Klares Zeichen der Überdüngung des Sees war 2009 eine deutliche Algenblüte am Grünauer und
Markranstädter Ufer. Jeden Winter reißen Blessrallen Pflanzen aus dem See. Reste davon waren
deutlich an allen Uferrändern zu sehen. Dadurch werden die Pflanzen- und
Armleuchteralgenbestände, die wichtigsten Sauerstofflieferanten im See, stark dezimiert. An
einigen Stellen stirbt der See bereits ab. Eine jährliche Vogelkotschicht von mehreren Zentimetern
reichert sich im Winter am Grund an. Fotos belegen, dass Vogelexkremente tote Krebse und
Armleuchteralgen überdecken, zeigen, dass Pflanzenbestände großflächig absterben und sich
gefährliche Blaualgen massiv ausbreiten.
„ Fäulnisprozesse laufen an, wenn Pflanzen keinen Sauerstoff mehr liefern, das Wasser ist trüber
als sonst. Wenn Schlamm aufgewirbelt wird, stinkt es“, erklärt Dr. Kasek, vom NABU,
Regionalverband Leipzig e.V. „Jetzt im Frühjahr, wenn das Wasser wieder genug Sauerstoff
erhält, wird das zumindest in den oberen Wasserschichten wieder in Ordnung kommen, die
tieferen Wasserschichten werden wahrscheinlich verseucht bleiben. Giftstoffe werden freigesetzt,
vor allem Schwefelwasserstoff. Das kann dazu führen, dass fast alles höhere Leben abstirbt und
das Gewässer wie eine Jauchengrube stinkt, wenn im Frühjahr das Eis taut.
Die Ursache ist letztlich die starke Belastung des Sees. Die Gefahr, dass der Kulkwitzer See kippt
und Grünau damit sein NAHerholungsgebiet verliert, ist ernster denn je.

Wassertiefe Sichtweite April 2009 Sichtweite April 2010
0-10 m 5-7 m 1-2 m
10-25 m bis 10 m 2-3 m

 

 

 

Stünde der Kulkwitzer See als wichtigster Standortvorteil nicht mehr zur Verfügung, wären die
Folgen für die weitere Entwicklung dieses Stadtteils und z.B. für die Einnahmequelle der Stadt
Leipzig aus der Grünauer Infrastruktur unabdingbar katastrophal. Wie lange werden Vermieter
noch mit dem Kulkwitzer See werben unter den genannten Bedingungen?
Vielfältige fachlich fundierte Untersuchungen, Vorträge, publizierte Beiträge u.v.a.m. wurden in den
letzten 10 Jahren veröffentlicht. Fachtagungen oder Unterwasserfotowettbewerbe zu
Unterwasserthemen mit Teilnehmern aus ganz Deutschland fanden am See statt. Seit 15 Jahren
dokumentiert die Biogruppe des Tauchsportvereins Leipziger Delphine die Veränderungen im See.
Freunde des Sees machten aktiv und mit vielfältigen Aktionen in der zurückliegenden Zeit verstärkt
auf den Zustand des Sees aufmerksam – weitere Informationen: www.kulkwitzersee.com
Für den jetzigen Zustand des Sees nennen NABU Leipzig und Tauchsportverein Leipziger
Delphine folgende vermutliche Ursachen:

  • fehlender natürlicher Zu- und Abfluss
  • die jetzige Freispiegelleitung, die nur das sauerstoffreiche Oberflächenwasser absaugt /d.h. nur das sauerstoffarme Tiefenwasser bleibt hauptsächlich vorhanden, es findet keine ausreichende Umwälzung statt zwischen sauerstoffreichem – und sauerstoffarmem Wasser. Damit verändert sich der Sauerstoffgehalt des Sees insgesamt negativ.
  • Ein Zusatz zur Freispiegelleitung, der sauerstoffarmes Tiefenwasser ebenfalls absaugt, könnte Lösung bringen.
  • Eingewaschene Stickstoffsalze (Stickoxide - Hauptquelle KFZ –) werden in der Luft in stickstoffhaltige Salze umgewandelt, die dann ins Wasser kommen, etwa 7 bis 9 t reiner Stickstoff kommen so je Jahr in den See.
  • Kot, Urin und abgewaschene Hautcremes u.ä. durch Badende
  • Abfälle und Abwasser vom Campingplatz
  • Füttern der Wasservögel: führt zu unnatürlich hohen Vogelansammlungen und damit zu Massen an Kot

„Der jetzige Zustand des Kulkwitzer Sees ist eine ernste Warnung“, setzt Dr. Kasek seine
Ausführungen fort und er fordert:
1. Der Eintrag von Stoffen, die als Dünger dienen, muss vermindert werden, sonst kann am Ende
eines der nächsten harten Winter der Kulkwitzer See so aussehen wie jetzt etliche Leipziger
Parkteiche.
2. Aufklärung der Bevölkerung: Wasservögelfüttern ist Gewässerverschmutzung. Falls das nicht
hilft, muss Bußgeld kassiert werden.
Reinhard Gräfe unterlegt dies mit der klaren Forderung nach einem gesetzlich geregelten
Fütterungsverbot für Wasservögel für Sachsen.
Das Füttern schädigt die Umgebung der Futterplätze und das seien in der Regel die besten
Badestellen.
3. Schaffung ausreichend sauberer (!) Toiletten in Ufernähe und nicht nur eine saisonale
Bewirtschaftung
4. Unterlassung aller umweltschädigenden Aktivitäten, die noch mehr Badegäste an den See
ziehen – wie z.B. 2009 der Einsatz von Motorbooten nur zu Showveranstaltungen oder der
derzeit bekannte Bebauungsplanentwurf 232 , der nicht im Sinne des Sees und der Anwohner
ist
5. Mittelfristig Rückverlagerung des Campingplatzes. In einem Streifen von mindestens 100 m
vom Wasser entfernt dürfen keine neuen Campingmöglichkeiten und keine Ferienhäuser
gebaut werden. Auf diese Entfernung dürfte die Filterkraft des Bodens ausreichen, das Wasser
so weit zu klären, dass keine Schadstoffe mehr im See ankommen.
Die Verantwortung des Ostufers obliegt der Stadt Leipzig mit ihren Abteilungen wie Amt für
Umweltschutz, Untere Wasserbehörde, Naturschutzbeirat. Anlieger und Freunde des Sees
möchten konkret wissen, wann sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst wird und, nach
dem bereits über 10 Jahre auf den dramatischen Zustand des Sees und seine negativen
Veränderungen aufmerksam gemacht wird, endlich Taten sprechen lässt.
Grünauer Stadträte und Stadtbezirksbeiräte sollten ihre Ziele kundtun und umsetzen, den
Kulkwitzer See zu erhalten, zumal Grünauer Stadträte auch im Zweckverband vertreten sind.
Die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen sind spätestens seit 24.3.2010, der Übergabe der
Unterschriftenaktion zum Bebauungsplan 232 der Stadt Leipzig für den Kulkwitzer See im
Leipziger Rathaus an OBM, Herrn Jung, in Kenntnis der ernsten Lage des Sees.
Ebenso sind die Stadt Markranstädt und der Zweckverband Erholungsgebiet Kulkwitzer See
gefordert, denn es geht bei der Entwicklung des Sees nicht nur um das Grünauer, sondern auch
um das Markranstädter Ufer.
„Der Kulkwitzer See entwickelt sich auch jetzt kurz vor Beginn der Badesaison 2010 ein Stück
weiter zum Gülle-See von Leipzig“, resigniert Reinhard Gräfe vom Tauchsportverein Delphin. „Seit
Jahren schaffen wir beste Voraussetzungen für umweltbewusstes Tauchen zum Erhalt des Sees.
Es gab Projekte, die von Umweltbehörden, Bundeswehr, DLRG, DRK unterstützt wurden. Vertreter
der Stadt Leipzig lobten den kristallklaren See. Ich bin entsetzt, traurig, wütend und hilflos zugleich,
dass unsere vielfältigen ehrenamtlichen Bemühungen, den See zu erhalten, immer wieder ins
Leere laufen und Verantwortliche keine nachhaltig wirksamen Maßnahmen für den Erhalt der
Natur ergreifen. Versprechen und Schilder reichen definitiv nicht aus.“
Stellungnahme des Bootsverleihs Wittig am Kulkwitzer See zur aktuellen Situation:
Sehr geehrte Freunde des Kulkwitzer Sees,
ich kann nur meinen Unmut, Unverständnis und Enttäuschung über die Reaktionen der
zuständigen Verantwortlichen der Stadt Leipzig zum jetzigen Zustand des Sees zum Ausdruck
bringen. Ein See, der zu den saubersten und klarsten Seen gehörte, wird durch "Schönreden"
nicht wieder in sein biologisches Gleichgewicht kommen. Seine Attraktion für die Taucher
(bundesweit) wird bald vorbei sein, die schönen Ferienwohnungen - der Campingplatz insgesamt,
wer soll ihn nutzen? Ein Campingplatz an einem stinkenden See...Mich erinnert die Situation des
Sees an den Auensee. Auch er war ein gut frequentierter See. Viele Besucher aus der Stadt
nutzten ihn, bis das Wasser zu wenig Sauerstoff hatte, die Fische starben...
Aber was soll`s, wir haben doch genügend Seen um Leipzig. Hier muss gebaut, gepflastert usw.
werden. Für neue Seen und deren Bewirtschaftung ist offensichtlich genügend finanzieller
Spielraum vorhanden.
Was interessieren uns die "alten Seen"? Die Wasserqualität wird wöchentlich gemessen und
analysiert und auch, bald hätte ich es vergessen, bei Bedarf Sauerstoff zugeführt. Unter dem Wort
"Nachhaltigkeit" verstehe ich etwas anderes.
Aber vielleicht ist der Auensee ein Modellbeispiel für den Kulki?
Es entsteht der Eindruck, dass Geld für neue Projekte verschwendet wird, anstatt bereits
bestehende Einheiten, Strukturen sinnvoll zu erhalten und auszubauen.
Ingrid Wittig
Stellungnahme des Vereins Leipziger Pinguine e.V. zur aktuellen Situation:
Der Kulkwitzer See – vom Menschen geschaffen – vom Menschen zerstört?
„…Das Kleinod im Leipziger Westen…“
„…das Naherholungsgebiet für Grünau…“
„…einer der wichtigsten Vorteile, die unser Stadtteil seinen Bewohnern bietet…“
…„eines der schönsten Naherholungsgebiete Leipzig…“
„…mit seiner üppigen Flora und Fauna eines der schönsten Tauchgewässer in Mitteldeutschland..“
„…bekannt für seinen Fischreichtum und seine Artenvielfalt…“
„…gehört zu den saubersten und ertragreichsten Angelgewässern der Region…“
„…die klarste Küste Leipzigs…“
„…die Sicht sensationell…“
„…kristallklares Wasser…“
„…Tauchparadies…“ - wir kennen diese Werbespots für unseren Kulki!
Die Mitglieder des Vereins für Winterschwimmen und Langstreckenschwimmen „Leipziger
Pinguine e.V.“ sind glücklich, so eine ideale Trainingsstätte für ihren Sport nutzen zu können. Das
gleiche werden uns die vielen anderen Freizeitsportler und Naturfreunde bestätigen, die im, auf
und am See zu finden sind.
Bei dem von uns jährlich Anfang Dezember organisierten „Anschwimmen“ zur winterlichen
Trainingssaison, zu dem wir regelmäßig befreundete andere Winterschwimmervereine oder auch
Einzelkämpfer aus ganz Deutschland einladen, hat uns oft genug das freudige Erstaunen der
Sportfreunde über die ausgezeichnete Wasserqualität stolz gemacht.
Unsere Vereinsmitglieder haben sich gern für die Erhaltung dieses Status engagiert, indem wir
unverbesserliche Vogelfütterer selbst angesprochen haben, um die Problematik der drohenden
Wasserverschmutzung zu erklären und indem wir dem jährlichen Aufruf unseres befreundeten
Tauchsportvereins „Leipziger Delphine e.V.“ zur Müllsammelaktion am See gefolgt sind.
Die Freunde des Sees befürchten nicht zu unrecht, dass das Wasser auf Dauer nicht den
Belastungen standhält, die ihm Jahr für Jahr zugemutet werden durch unverantwortliches
Verhalten Tausender von Badegästen im Sommer, durch sogenannte Tierfreunde, die durch das
Füttern der Wasservögel im Winter viel zu viele Tiere zum Überwintern veranlassen und nicht
zuletzt durch Fehler bei der Bewirtschaftung des Sees.
Eine besondere Freude erleben wir Winterschwimmer, wenn sich der See mit einer Eisdecke
schließt, die wir dann zum Baden öffnen und wir vor der bizarren Kulisse der aufgetürmten
Eisschollen in das eiskalte Wasser steigen können. Dabei wurde in diesem Jahr die hohe
Belastung des Sees durch Vogelkot besonders deutlich. Wir konnten ein am Vortag aufgesägtes
Eisloch kaum ein zweites Mal nutzen, da dann schon der Seegrund mit dem Kot der unzähligen
Wasservögel überdeckt war, die die willkommene offene Wasserfläche gern mitnutzten. Das
gleiche Bild bot natürlich auch das Seeufer. Es gab kaum einen Platz ohne Vogeldreck, auf dem
wir unsere Kleidung ablegen konnten. Auch die Eisfläche war grün von Exkrementen, die natürlich
nach Auftauen des Eises in den See sinken und das Wasser nachhaltig trüben.
So bekommen wir jetzt die Quittung für die schon viel zu lange wahrnehmbare Störung des
ökologischen Gleichgewichts des Sees in unvorstellbarem Ausmaß - jetzt, kurz vor dem Beginn
der Badesaison der Warmbader: Beim Schwimmen erreichte ein modriger Geruch unsere Nasen
und die einstigen gigantischen Sichtweiten unter Wasser waren derart geschrumpft, dass wir kaum
noch unsere Füße erkennen konnten! Wann werden die ersten toten Fische am Strand liegen?
Trotz der vielen Alarmsignale betreffs der sich schon seit Jahren drastisch verschlechternden
Wasserqualität nehmen die Bestrebungen zur weiteren Vermarktung des Sees und des Areals um
den See kein Ende. Es sind dringend Lösungsansätze und Investitionen für wirksame ökologische
Maßnahmen gefragt und keine ausufernden neuen Bauprojekte, die noch größere Scharen von
Badegästen und Urlaubern aus allen Teilen Deutschlands in das Leipziger Naherholungsgebiet
locken!
Carmen Puckelwaldt
Pressesprecherin „Leipziger Pinguine e.V.“

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